Pipilotti Rist – Partit amistós – sentiments electrònic // 08.07.2010-01.11.2010

Fundació Joan Miró
Parc de Montjuïc s/n, 08038 Barcelona
www.fundaciomiro-bcn.org

Centre Cultural de Caixa Girona
C/ Ciutadans, 19, 17004 Girona
www.fundaciocaixadegirona.org

Die Ausstellung Partit amistós – sentiments electrònic (Freundschaftsspiel – elektronische Gefühle) ist die größte Rist-Ausstellung, die in Spanien bislang gezeigt wurde. Mit 13 Arbeiten, verteilt auf zwei Städte, bekommt man einen Überblick über das Werk der schweizer Videokünstlerin. Drei Arbeiten zeigt das Centre Cultural de Caixa Girona, während die anderen Installationen in der Fundació Miró zu sehen sind. Pipilotti Rist wurde 2009 mit dem Miró-Preis ausgezeichnet.

Der Wind rauscht im Wald, sie bewirft mich mit Blättern, spielerisch, neckisch, lustvoll. Ab und zu kommt sie mir mit ihrem milchweißen Gesicht ganz nah – ich kann ihre seidigen roten Haare spüren. Meine Blicke gleiten an ihrem Körper entlang – ich fliege dabei über sie hinweg, unter ihr hindurch. Ich gleite, ich schwebe. Ein glücklich machender kleiner Tagtraum.

Installationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona

Tyngdkraft, var min vän (2007) // Installationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de l'artista, Hauser & Wirth i Luhring Augustine, Nova York

Wie diesen, den ich auf dem Rücken liegend auf der linken Seite von Tyngdkraft, var min vän (Schwerkraft sei mein Freund) (2007) träumte, kann man tausende Tagträume aus den Videoinstellationen von Rist herausphantasieren. Man muss sich nur auf die von ihr kreierten Stimmungen einlassen, entspannen und sich den Arbeiten hingeben.

Temps lluire (2010) // Pipilotti Rist

Die Ausstellung wurde von Pipilotti Rist auf die Räumlichkeiten der Fundació abgestimmt und so entstand eine in sich geschlossene Werkschau in engem Dialog mit den Räumlichkeiten. Das von Josep Lluís Sert in den siebziger Jahren für die Miró-Sammlung gebaute Museum verfügt über einen eigenen Bereich für Wechselausstellungen, den Rist geschickt bespielt – nicht nur durch die Auswahl ihrer Arbeiten, sondern auch durch eine flexible Ausstellungsarchitektur. Im Eingangsbereich begrüßt uns die Installation Temps lluire (Freizeit) (2010). Die von der Decke hängenden Stoffbahnen verhindern das schnelle Eintreten, öffnen die Erwartung des Besuchers und stimmen ihn auf die Ausstellung ein. Sie dienen als Projektionsflächen und streicht man an den Vorhängen entlang, so sieht man darauf Sätze wie „Dein Schweiß riecht gut“ und „Du bist gerecht“ auf Katalanisch und Englisch projiziert. Die Arbeit kann man als eine Art positives Fegefeuer verstehen; laut Rist soll sie „die Gedanken reinigen“. Man lässt die Hitze des Tages, den Lärm der Stadt hinter sich und erlebt die Ausstellung als ein ideales Refugium für neue Erfahrungen und persönliche Phantasien.

Ginas Mobile (2007) // Intallationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona // Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de l'artista i de Hauser & Wirth

Die aus 10 Arbeiten bestehende Präsentation ist eine gelungene Komposition von Atmosphären, die ineinander übergehen oder aber starke Stimmungswechsel provozieren. Ginas Mobile (2007) ist eine stille poetische Arbeit, die zuvor nicht als Rauminstallation sondern als eine „kleine“ Arbeit in die Ausstellungen integriert wurde. Hier bekommt sie einen eigenen Raum: Man schreitet durch einen Tunnel mit Wänden aus transluzenten, von der Decke herunterhängenden Stoffbahnen, über eine blutrote Teppichbahn. Die organischen Formen wecken Assoziationen von Körperkanälen – wie die einer Vagina. Letzteres ist naheliegend, werden doch auf die Oberfläche von Gina’s Mobile Nahaufnahmen von Vulven wie eine abstrakte Körperpoesie projiziert.

Ginas Mobile (2007) // Intallationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona // Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de l'artista i de Hauser & Wirth

Der Besucher wird aus diesem „Raum“ in die mit dem gleichen flauschigen Teppich ausgelegte Installation Lungenflügel (2009)“ geleitet. Gemütlich auf diesem blutfarbenem Velours ausgestreckt, kann man Rists Arbeit auf sich wirken lassen. Blut spielt hier zwar eine Rolle, aber die drei Wandprojektionen werden nur kurz in diese pulsierende Flüssigkeit getaucht. Eine Körperflüssigkeit, die die Künstlerin enttabuisieren will: Nicht nur mit Krankheit und Tod verbindet sie das Blut, sondern besonders auch mit Gesundheit, Weiblichkeit und Lebenskraft. Wunderbare Bilder von Tulpenfeldern, mit Mikrokamera aus Insektenperspektive aufgenommen, erscheinen auf den Bildflächen. Dann fliegt die Kamera hinauf zu knackigen Äpfeln in der Baumkrone. Und vor allem Pepperminta: Die Protagonistin von Rists erstem Film. [www.pepperminta.ch]. Diese Kinoproduktion beschäftigt sich fröhlich farbig mit den uns selbst auferlegten gesellschaftlichen Zwängen und Tabus, die sie mit Parallelen aus der Tierwelt karikiert. Lungenflügel ist die künstlerische Kurzversion dieses Films, dessen Ausschnitte auf drei Wandflächen gespielt und komponiert werden. Der Ton dieser zehnminütigen Videoinstallation ist wie so oft die Arbeit von Aders Guggisberg.

Lungenfügel (2009) // Installationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona // Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de l'artista, Hauser & Wirth i Luhring Augustine, Nova York

Der Stimmungswechsel vollzieht sich beim Eintritt in den kühlen bläulichen Raum mit wandhoher Einbauküche, auf die die Projektion Regenfrau (I Am Called A Plant) (1999) geworfen wird. Mit Wassertropfen akustisch untermalt fröstelt es einem fast. Die siebenminütige Arbeit kann nicht entspannt auf einem gemütlichen Teppich liegend erlebt werden – hier steht oder sitzt auf der kleinen Steintreppe. So verweilt auch kaum jemand, während die großen Projektionen mit Liegefläche ihr Publikum länger fesseln.

Regenfrau (I Am Called A Plant) (1999) // Installationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona //Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró //Cortesia de l'artista i de Hauser & Wirth

Die hier gezeigten Arbeiten belegen die Qualitäten dieser Künstlerin: Perfekte Beherrschung der Technik, wie der mühelose Einsatz von Mikrokamera oder Unterwasserkamera, ungewöhnliche Perspektiven und technische Raffinessen lassen die Realität vergessen. Rist schafft es, dass der Betrachter mit der Video-Fiktion verschmilzt. Ihre Arbeiten haben eine Saugkraft. Man vergisst bei Unterwasserarbeiten wie Sipp my Ocean (1996) oder Tyngdkraft, var min vän, dass man atmen kann und überwindet nur durch bewusste Entspannung das Gefühl zu ersticken. Die Hingabe und das sich Einlassen auf die Kunstwerke sind die Krönung des Dialoges zwischen der Künstlerin und dem Betrachter.

Dabei sind ihre Themen nicht glatt – aber manchmal eben schön: Unbequeme Tabus und der Mut zu positiver Energie machen den Reiz ihrer Werke aus. Schönheit ist erlaubt. Gute Laune ist nicht gleich oberflächlich und profan.

Eine weitere Qualität ist ihre Arbeit in situ. So entstand speziell für die Ausstellung die faszinierende Arbeit Doble Llum (Doppel-Licht) (2010) als Dialog zwischen der schweizer Videokünstlerin und dem von ihr bewunderten Klassiker der Moderne, Joan Miró.

Doble Llum (2010) // Installationsansicht in der Fundació Joan Miró, Barcelona // Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de Successió Miró, Fundació Joan Miró, Pipilotti Rist i Hauser & Wirth

Wie der Titel andeutet, stellt Rist die Miró-Bronze Femme (Frau) (1968) in doppeltes Licht. Es handelt sich um eine abstrakte, einem Frauenkörper nachempfundener Plastik mit einer unregelmäßig modellierten Oberfläche. Der Dialog basiert auf zwei Projektionen, deren Lichtquellen elegant in den Sockel der Bronze eingelassen sind und mit der Plastik kommunizieren. Die eine der beiden Projektionen deckt die gesamte Fläche der Femme ab und beleuchtet sie mit Farb- und Mustervarianten, die wie psychedelisches Licht mit den Oberflächenstrukturen spielen. Raffiniert ist, dass das Licht die Form der Plastik genau abzeichnet und nur minimal über deren Rand hinausstrahlt. So genau justiert werden nur die Umrisse der Miró-Arbeit farbig und bewegt auf die Wand geworfen. Dies erinnert an Fraktale, Korallen im Meer oder aber an eine Korona bei der Sonnenfinsternis. Die Projektion auf der anderen Seite der Bronze wird gegenständlich und konkret. Auf einer klar abgegrenzten Fläche, die Signatur Mirós einbeziehend, werden die Bilder als Film projiziert: Frauenhände, Körper und Brüste, sogar männliche Genitalien tanzen und werden dabei vertikal gespiegelt, so dass sie perfekt harmonische Bewegungen suggerieren.

Han Neffgens und Pipilotti Rist // Foto: Pere Pratdesaba, Fundació Joan Miró // Cortesia de Successió Miró, Fundació Joan Miró, Pipilotti Rist i Hauser & Wirth

Möglich wurde die Umsetzung dieser faszinierenden ortsbezogenen Arbeit durch die finanzielle Unterstützung des Niederländers Han Nefkens. Sein Antrieb als Mäzen ist es, die Begegnung mit der Kunst und die damit verbundenen persönlichen Erfahrungen mit möglichst vielen Menschen zu teilen. In seinem lesenswerten Katalogbeitrag schreibt er, es sei „wie ein Buch zu lesen und es anschließend an eine andere Person zu verschenken“. Er sieht sich als „Wächter der Arbeit“, die seiner Idee nach der Welt gehört. Er wählt die Arbeit aus – oder die Arbeit erwählt ihn – und dann stellt er sie einem Museum zur Verfügung, damit sie gezeigt und erlebt wird. Hier ging er einen Schritt weiter: Er finanziert eine Arbeit, deren Umsetzung er noch nicht kennt. Groß genug ist das Vertrauen, das er in Rist gesetzt hat, war sie doch die erste Künstlerin, deren Arbeit ihn zu einem Mäzen machte. Nefkens hat die Arbeit der Fundació Miró überlassen, in deren Sammlung sie nun übergeht.

Zum chill out und zum Abkühlen von der Mittagshitze ist diese Ausstellung bestens geeignet. Man muss aber damit rechnen, erotisch aufgeladen das Museum zu verlassen – und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.

VIDEOS:

GRAVITY BY MY FRIEND

SIP MY OCEAN

2 Kommentare zu “Tagträumen… Tauch ein in die Welt von Pipilotti Rist”

  1. Rürup Rente Vergleicham 25.10.2010 um 17:35

    Sehr guter und informativer Blog. Kann ich den News feed für diesen blog abonieren

  2. adminam 26.10.2010 um 17:13

    Der News feed für in-BCN kann unter http://feeds.feedburner.com/in-bcn abonniert werden. Vielen Dank für den Kommentar und das Interesse!

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